Die Bibel besteht aus dem vom Judentum überlieferten Alten Testament und dem Neuen Testament, das sich vorwiegend mit Jesus und seinen Jüngern sowie den Briefen (v.a. denen von Paulus) befasst. Im Folgenden wird aus Platzgründen nicht auf das Alte Testament und die Paulus-Briefe eingegangen.
Der christliche Glaube basiert auf dem Leben und den Lehren Jesu, der, wie in den Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes erzählt wird, drei Jahre lang durch Palästina zog, seine Botschaft verkündete und Wunder vollbrachte, bis er als Widersacher der römischen Besatzungsmacht angeklagt, verhaftet und schließlich gekreuzigt wurde. Die jüdische Obrigkeit war vor allem wegen seiner Behauptung, der Sohn Gottes und somit der lang erwartete Messias zu sein, verärgert. Den Gläubigen zufolge wurde Jesus drei Tage nach seiner Kreuzigung von den Toten auferweckt und erschien seinen Jüngern mehrmals über die nächsten Wochen hinweg, bis er schließlich zum Himmel 'auffuhr“. Nach seinem Tod, seiner Auferstehung von den Toten und der Himmelfahrt reisten die Apostel (s.u.) und deren Schüler durch das Römische Reich, predigten und gewannen neue Anhänger. Der wohl wichtigste unter diesen war Paulus, der zunächst ein überzeugter Gegner des Christentums war. Viele christliche Doktrinen begründen sich aus seinen Briefen an die verschiedenen christlichen Gemeinschaften.
Die Evangelien zeigen Jesus als einen Menschen, der Wunder manchmal widerwillig vollbrachte und die Menschen darauf hinwies, dass Wunder aus dem Glauben geschehen sollten und nicht als Anstoß zum Glauben dienen dürften. Zu den am meisten erwähnten Wundern zählen die Heilungen von Blinden und Lahmen, sowie Totenerweckungen und Dämonenaustreibungen. Manche Wunder scheinen von mystischer oder symbolischer Bedeutung zu sein: Die Verwandlung von Wasser zu Wein bei der Hochzeit in Kanaa, die Speisung der Fünftausend (mit zwei Laiben Brot und drei Fischen) und die Beruhigung des Sturms auf dem See Genezareth scheinen in diese Kategorie zu fallen.
Die Wunder werden oft als Einführung zu einer Diskussion verwendet, in der ein oder mehrere Gleichnisse erzählt werden. Zusammen genommen bilden die Gleichnisse eine Sammlung an Maßstäben, an denen sich ein Christ messen kann. Da sie als Geschichten erzählt werden, haben sie trotz ihres Ursprungs in einem weitgehend ländlichen und von Rom besetzten Gebiet im Nahen Osten vor über 2000 Jahren nichts an Aktualität verloren. Sätze aus Gleichnissen werden in Gesellschaften, die durch das Christentum geprägt sind, immer noch ganz natürlich bei Gesprächen verwendet, man redet beispielsweise von einem 'barmherzigen Samariter“, einem 'verlorenen Sohn“ und davon, 'die andere Wange hinzuhalten“. Es gibt viele weitere Beispiele. Die Gleichnisse betonen die im christlichen Glauben fest verwurzelten ethischen Grundsätze: Böses mit Gutem zu vergelten, vergeben zu können, den Sünder nicht zu verurteilen und eine Person nicht danach zu bewerten, wer sie ist, sondern wie sie ist. Die direktesten Aussagen der christlichen Ethik in der Bibel befinden sich wohl in den Seligpreisungen der Bergpredigt, von denen eine der bekanntesten ist: 'Selig sind die, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“.
Die 12 Apostel, von denen die meisten Fischer waren, waren Jesus als Schüler besonders nahe. Der bekannteste war wohl Petrus, auf dessen herausgehobene Stellung im Kreis der Jünger sich der Papst noch heute beruft. Ein weiterer Jünger, Matthäus, symbolisiert den universellen Charakter des christlichen Denkens: er war Steuereintreiber, ein allgemein korrupter und verachteter Beruf im Römischen Reich. Der berüchtigtste war Judas, der Jesus an die Machthaber verriet.
Das Johannes-Evangelium wird als der beste Augenzeugenbericht angesehen, doch aufgrund des visionären Charakters und der griechisch-hellenistischen Prägung seines Werkes neigten viele dazu, zuviel hineinzuinterpretieren. Die anderen Evangelien werden zusammen die 'synoptischen“ Evangelien genannt. Das älteste, das Markus-Evangelium, ist eine schnörkellose Erzählung mit dem deutlichen Ziel, einfach über das Geschehene schriftlich zu berichten. Das Matthäus-Evangelium ist aus jüdischer Perspektive geschrieben. Hier liegt die Betonung darauf, die Geschichte in den Zusammenhang einer jüdischen Tradition zu bringen. Das Lukas-Evangelium auf der anderen Seite betont die allgemein gültigen Elemente der Geschichte. Obwohl es deutliche Unterschiede gibt, beziehen sich alle auf die so genannte 'Logienquelle“ - eine Sammlung von Gleichnissen und Worten Jesu. Daneben hatten Lukas und Matthäus das Markusevangelium vorliegen und schöpften aus einem je eigenen Sondergut. Auch die Apostelgeschichte, ein Bericht über die Frühzeit des Christentums, ist wahrscheinlich von Lukas. Diese Berichte sind von größter Bedeutung für unser Bild des zweitwichtigsten Gründers des Christentums: Paulus.
Obwohl sich die christlichen Konfessionen in ihrer Praxis stark unterscheiden, ist allen die Heilige Kommunion (s. u.) gemein, und alle halten ihre Gottesdienste am Sonntag ab (dem Tag der Auferstehung). Allerdings sind diese Aktivitäten nicht nur auf den Sonntag beschränkt. Oft wird vor einer Mahlzeit ein Tischgebet gesprochen, das entweder gelesen oder auswendig gesprochen wird und oft auch persönliche Anliegen oder gegenwärtige Ereignisse mit einschließen kann. Die anwesenden Personen senken dabei gewöhnlich ihren Blick, neigen den Kopf und falten die Hände oder halten die Hand der Personen neben ihnen. Das Gebet endet immer mit dem Wort 'Amen“ (hebräisch 'So geschehe es“), woraufhin die Anwesenden ihre Mahlzeit beginnen.
Im Allgemeinen sind praktizierende Christen Mitglieder einer Gemeinde von einer speziellen Kirche. Der Taufakt symbolisierte ursprünglich die Aufnahme eines erwachsenen Christen als Mitglied in diese Gemeinschaft, bei den meisten Konfessionen wird er jedoch mittlerweile so früh durchgeführt, dass es zu einem späteren Zeitpunkt (mit 14-16 Jahren) eine weitere Form der diesmal bewussten Entscheidung für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft gibt. Die Art dieser Akzeptanz variiert stark, doch der bedeutendste Aspekt – und dieser unterscheidet das Christentum von anderen Religionen – ist, dass die Einzelperson selbst wählen kann, ob sie Mitglied werden möchte oder nicht.
Sakramente sind "Heilige Zeichen" und werden im Laufe des Lebens eines Gläubigen (Taufe, Firmung/Konfirmation) oder der ganzen Kirchengemeinde (Priesterweihe) durchgeführt. Sie stiften eine Beziehung zwischen Gott und den Gläubigen. Das wichtigste davon ist die Heilige Kommunion.
Beim Letzten Abendmahl, als Jesus unmittelbar vor seiner Verhaftung und Kreuzigung das jüdische Passahfest feierte und im Rahmen dessen mit seinen Jüngern das Brot brach und Wein trank, sagte er: 'Das ist mein Leib/mein Blut. Es ist das Symbol des Neuen Bundes zwischen Gott und den Menschen. Tut dies zu meinem Gedenken”. Die Nachstellung dieses Ereignisses wurde zum christlichen Sakrament der Kommunion, bei der die Christen ihre Bindung an Gott erneuern. Es gibt keine bestimmte Zeit oder Ort für dieses Sakrament, doch über die Jahrhunderte hinweg haben sich zahlreiche Riten und Praktiken darum gebildet, vor allem bei der katholischen Messe.
Das wichtigste Fest im christlichen Kalender ist das Osterfest, bei dem die Kreuzigung und Wiederauferstehung Jesu gefeiert werden: Karfreitag ist der Tag, an dem die Hoffnung starb, und Ostersonntag der Tag, an dem sie wiederhergestellt wurde. Erst an zweiter Stelle kommt Weihnachten, die Feier der Geburt Christi. Die Weihnachtstradition, sich gegenseitig Geschenke zu geben und im Kreise der Familie zu feiern, ist weitgehend weltlicher Natur und nicht in einer christlichen Doktrin verwurzelt. In einigen europäischen Ländern gibt es die uralte Tradition, am 6. Dezember den Heiligen Nikolaus zu feiern, während in anderen Kirchen die Ankunft der Heiligen Drei Könige am 6. Januar mehr Bedeutung zukommt.
Die wichtigsten Feste des christlichen Kalenders sind:
- Weihnachten (normalerweise: 24. oder 25. Dezember; orthodoxes Weihnachten: unterschiedliche Daten) – die Geburt Jesu wird gefeiert.
- Heilige Drei Könige (6. Januar, 12 Tage nach Weihnachten) – die Weisen Männer aus dem Morgenland bringen ihre Gaben.
- Aschermittwoch (46 Tage vor Ostern) – Beginn der Fastenzeit, traditionell eine Zeit der Mäßigung und Entsagung, die bis Ostern dauert.
- Palmsonntag (eine Woche vor Ostern) – man feiert die Ankunft Jesu in Jerusalem auf einem Esel.
- Karfreitag (zwei Tage vor Ostern) – traditionell drei Tage vor Ostern zum Gedenken an die Kreuzigung.
- Ostersonntag – Tag der Auferstehung.
Anmerkung: Dieses Fest ist nicht an ein bestimmtes Datum gebunden, findet aber normalerweise im März oder April statt. Die westlichen und orthodoxen Kirchen bestimmen das Datum je nach den verschiedenen Kalendern.
- Christi Himmelfahrt (40 Tage nach Ostern) – Der Tag, an dem Jesus nach seiner Auferstehung auf einer Wolke in den Himmel aufstieg und gleichzeitig der Tag seines letzten Erscheinens auf Erden.
- Pfingstsonntag (50 Tage nach Ostern) – Der Tag, an dem der Heilige Geist den Jüngern erschien, Beginn ihrer Reisen und Predigten.
Die oben genannten Feiern werden von beinahe allen christlichen Kirchen begangen. Vor allem die orthodoxe und die katholische Kirche feiern daneben auch noch andere Tage wie z.B. die Sintflut (orthodoxe Kirche) und die Unbefleckte Empfängnis Marias (römisch-katholische Kirche).
Es ist so gut wie unmöglich, eine vollständige Liste mit christlichen Doktrinen aufzustellen; die im Folgenden aufgeführten Maximen werden von den meisten Christen (in unterschiedlichen Maßen) anerkannt:
(1) Es gibt nur einen Gott.
(2) Jesus ist sein Sohn (Dies soll jedoch keine Unterordnung Jesu unter Gott darstellen – der Vater, Sohn und der Heilige Geist bilden eine Einheit, die Trinität).
(3) Er wurde geboren von der Jungfrau Maria.
(4) Er lebte, wurde gekreuzigt, stand auf von den Toten und stieg zum Himmel auf (die Bedeutung dieser Himmelfahrt wird weiter unten beschrieben).
(5) Durch den Heiligen Geist wurden seine Jünger dazu getrieben, im Namen Jesu zu predigen und die Kirche, wie wir sie kennen, zu gründen.
(6) Gott, Jesus und der Heilige Geist sind keine drei Einzelwesen, sondern ein und die selbe Einheit (die komplexe Doktrin der Dreifaltigkeit. Nur in ihren Handlungen zeigt sich ihre 'Individualität“)
(7) Die Bibel, einschließlich des jüdischen Alten Testaments, im Bewusstsein des Neuen Testaments betrachtet, stellt das Wort Gottes an die Menschen dar.
(8) Gott ist eins mit seiner Kirche und ihren Mitgliedern.
Jesus Christus ist die zentrale Gestalt und die Basis des christlichen Glaubens. Von Geburt aus ein Jude könnte man ihn als Revolutionär bezeichnen. Es war seine radikal neue Einstellung zu den Geboten und dem Gesetz, die die Menschen anzog. Einerseits verkündete er, gekommen zu sein, um das Evangelium zu erfüllen, andererseits wollte er das Gesetz (die Thora = die 5 Bücher Mose) auf eine neue Grundlage stellen: Nicht das Gesetz selbst sollte im Mittelpunkt stehen, sondern der Mensch. Er wollte die Menschen befreien von den Zwängen der ca. 600 Gesetze, von denen viele ihren Sinn verloren hatten.
So radikal, wie er gegen die herrschenden Priester vorging, so radikal verlangte er auch von den Menschen, die ihm folgten, eine Umkehr ihres Lebens und ihrer Vorstellungen. Durch den Glauben können Wunder geschehen, machte er in einem seiner Gleichnisse deutlich. 'Verkaufe alle weltlichen Güter und folge mir nach“ ist ein anderer sehr bekannter Ausspruch von ihm, aus dem sich die Mönchsbewegung ergab.
Er selbst führte nach christlicher Überzeugung ein vorbildliches Leben. Er war voller Mitleid mit Kranken und gab sich mit Aussätzigen und Sündern ab. Er lehrte die Menschen zu Gott 'Abba“ (Vater) zu sagen und gab ihnen Hoffnung und Glauben. Er ging seinen Weg konsequent zu Ende, auch wenn er wusste, dass das den Tod bedeuten konnte. Nach der theologischen Überlieferung litt er am Kreuz für die Sünden der ganzen Menschheit. Der qualvolle Kreuzestod war die damals schlimmste Strafe der Römer für nichtrömische Bürger. Es wird gesagt, dass Jesus in diesem Tod in die tiefsten Tiefen menschlichen Leidens hinabstieg, um somit das Leiden der ganzen Menschen mitzutragen. Als Christus ('der Gesalbte“) stieg er dann in die Höhe auf.
Für einen Christen stellt der Glaube an die Wiederauferstehung den Glauben an die mögliche Vergeltung und Vergebung sowohl der Einzelperson als auch der gesamten Menschheit dar.
Die folgende Aufzählung beinhaltet nur die größten der christlichen Konfessionen sowie eine Kurzbeschreibung der verschiedenen Sitten und Gebräuche.
Römisch-Katholisch (weltweit, v.a. in Lateinamerika und Europa):
Die Katholiken glauben, dass der Papst innerhalb der Kirche direkt vom Hl. Petrus die oberste Macht erhält. Komplexe Rituale werden ausgeführt, wobei die Rolle des Priesters entscheidend ist – seiner Verantwortung obliegt es, die Sakramente zu spenden. Heutzutage können auch Laien viele der Funktionen übernehmen, mit Ausnahme z.B. der Wandlung der Hl. Kommunion. Viele Heilige werden verehrt, und Länder mit einer starken katholischen Bevölkerung sind für ihre zahlreichen Feste an heiligen Tagen vor oder nach Ostern bekannt.
Protestantisch & Evangelisch (Nord- und Mitteleuropa):
Die im 16. Jahrhundert in Opposition zur römisch-katholischen Kirche entstandenen protestantischen Kirchen lassen sich grob in zwei Richtungen einteilen, Reformierte und Lutheraner. Die aus der Reformation Martin Luthers hervorgegangenen Lutherischen Kirchen haben neben der Bibel und den ökumenischen Glaubensbekenntnissen vor allem die Konkordienformel und die Augsburgische Konfession als ihre gemeinsame Bekenntnisgrundlage. Die Lutherische Kirche ist vor allem in Deutschland, Skandinavien, den Baltischen Staaten und Nordamerika vertreten. Die Reformierten Kirchen gehen auf das Wirken der oberdeutschen und schweizerischen Reformatoren (u.a. Bucer, Calvin und Zwingli) zurück und sind vor allem in der Schweiz, in Deutschland, den Niederlanden, Schottland, Ungarn, Rumänien, Südafrika, Südkorea und den USA vertreten.
Orthodox (Rußland, Osteuropa & Naher Osten):
Die orthodoxen Kirchen ähneln den Katholiken in ihrer komplexen Symbolik der Rituale und Liturgie ('Griechischer Ritus“ genannt). Die Gottesdienste sind lang, und die Gottesdienstbesucher stehen die ganze Zeit. Die Himmelfahrt ist von besonderer Bedeutung und zahlreiche Heilige werden verehrt. In einigen Ländern verwendet man Ikonen (normalerweise religiöse Malereien auf kleinen Holzstücken) als Gebetshilfe. Jede 'Provinz“ hat ihren eigenen Patriarchen. Das Prinzip der Kollegialität spielt eine entscheidende Rolle, was eine wichtige Ursache für die Abspaltung von der römisch-katholischen Kirche im 11. Jahrhundert war. Obwohl es keine ausdrückliche, allumfassende Macht gibt, wird der Patriarch von Istanbul als höchste Macht angesehen. Beim Betreten von Kirchen sollte man zurückhaltend gekleidet sein (z.B. Kopfbedeckung für Frauen).
Anglikanisch & Episkopalisch (Englischsprachige Länder):
Die Church of England spaltete sich im 16. Jahrhundert von der Römisch-Katholischen Kirche ab. Viele ihrer Riten sind den katholischen sehr ähnlich, doch über die Jahrhunderte hinweg lag die Betonung durch die puritanischen und nicht-konformistischen Einflüsse meist auf der Einhaltung der Hauptdoktrinen und weniger der Verehrung von Heiligen etc. Auch der Priester spielt als Vermittler zwischen seiner Gemeinde und Gott eine geringere Rolle. Die Gottesdienste der anglikanischen und episkopalischen (hauptsächlich in den USA vertretenen) Kirchen auf der ganzen Welt stammen von denen der Church of England ab. Die Kirche ist strukturiert in eine Anglican High Church (große Ähnlichkeit mit der römisch-katholischen Kirche), und eine Low Church (diese orientiert sich eher an nicht-konformistischen Einflüssen). Kleidungsvorschriften sind nicht so streng wie in katholischen und orthodoxen Kirchen, doch Zurückhaltung ist auch hier angebracht. Das Oberhaupt der Church of England ist der jeweilige Regent von Großbritannien.
Methodisten, Presbyterianer, Puritaner & Congregationalisten (Englischsprachige Länder & Pazifikraum): Fleiß, Mäßigung (nicht nur Nüchternheit), Direktheit und Ehrlichkeit sind die Hauptwerte dieser Kirchen. Was den Gottesdienst angeht, sind einige der Church of England sehr ähnlich, andere dagegen sind schmuckloser und calvinistisch geprägt (hier liegt die Betonung auf dem Verhältnis von Mensch zu Gott, die Rolle des Priesters als Vermittler wird abgelehnt). Baptisten (GUS, Europa, USA & Teile des Fernen Ostens): Die meisten Kirchen praktizieren die Taufe möglichst bald nach der Geburt. Für die Baptisten allerdings ist das Einverständnis des Täuflings erforderlich, damit das Taufritual eine Bedeutung hat und ein erwachsener, oder 'gläubiger“ Baptismus ausgeübt werden kann. Die Gemeinden sind voneinander unabhängig, gehören jedoch einer nationalen Gemeinschaft an. Andere Glaubensrichtungen ähneln denen der oben beschriebenen Methodisten.
Die Geschichte des Christentums bildet einen wichtigen Bestandteil der Geschichte der Neuzeit und durchzieht (vor allem in Europa) jeden Aspekt des philosophischen, politischen und kulturellen Lebens. Aus Platzgründen kann hier nur eine kurze Darstellung geboten werden, und man sollte nicht vergessen, dass sich das Christentum, obwohl es seine Wurzeln im Nahen Osten hat, vor allem im Westen etablieren konnte. Der folgende Beitrag wurde weitgehend aus westlicher Sicht verfasst, wobei aber das, was viele der Gründerväter der christlichen Kirche in Syrien oder Nordafrika geleistet haben, nicht außer Acht gelassen werden soll.
Anfänglich waren die Christen nur kleine Gruppen, die durch die Predigten der Apostel und Paulus konvertiert wurden. Diese Gruppen wuchsen im Römischen Reich sehr schnell, wurden jedoch verfolgt und als Ketzer verhaftet. Jedoch gewannen ihre Ideen schnell neue Anhänger und die rasche Verbreitung der Religion gipfelte in der Herrschaft des Kaisers Konstantin (306-337), der selbst zum Christentum konvertierte und 325 den ersten Ökumenischen Rat der Kirche einberief (vergleichbar heute mit einem Konzil). Die Kirche stand zu jener Zeit unter der Führung verschiedener Patriarchen (in Alexandria, Antiochien, Jerusalem, Konstantinopel und Rom), wobei der römische Patriarch (durch die Berufung auf Simon Petrus) in gewisser Weise eine führende Position innehatte. Während des Mittelalters breitete sich das Christentum rasch in ganz Europa aus (wobei Teile Ost- und Nordosteuropas erst im 11. und 12. Jahrhundert konvertiert wurden). Daneben bildeten sich schon früh schismatische Gruppen, die in den Grundpositionen der christlichen Kirche übereinstimmten, jedoch andere Aspekte betonten bzw. Teilaspekte ablehnten. Beispiele hierfür sind die bis heute existierenden Kopten und Maroniten.
Die schnelle und umfassende Ausbreitung des Islam im 7. Jahrhundert führte dazu, dass in vielen christlichen Ländern (wie z.B. in Spanien und so gut wie im gesamten Nahen Osten) der Islam die Oberhand bekam. Die Eroberung von Jerusalem war ein besonders dramatisches Ereignis, da die Stadt sowohl von Christen als auch von Muslimen und Juden als heilig betrachtet wurde. Mit der Herrschaft Karls des Großen (771-814) lebten sowohl das Christentum als auch die weltliche Macht wieder auf, und seine Krönung als Heiliger Römischer Kaiser in Rom an Weihnachten 800 – wodurch das Römische Reich im Westen wiederhergestellt und das Konzept des Christentums festgesetzt wurde – war ein höchst bedeutsames Ereignis, nicht zuletzt deshalb weil dadurch die unterschiedlichen Ziele von Kirche und Staat in den Vordergrund gebracht wurden. Man nahm weitgehend an, dass durch Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert der Kirche die oberste Macht in weltlichen Angelegenheiten zugestanden wurde (die so genannte 'Konstantinische Schenkung“, die sich später als Fälschung herausstellte), und dieser Disput, der während des gesamten Mittelalters andauerte, führte oft zu bewaffneten Auseinandersetzungen.
Die Kreuzzüge begannen 1096 nicht nur wegen des Wunsches, die kirchliche Machtposition im Westen zu verstärken, sondern auch, um das angegriffene Byzantinische Reich zu unterstützen. Außerdem bestand eine geringe Hoffnung, Rom mit Konstantinopel versöhnen zu können. Der erstaunliche Erfolg des Ersten Kreuzzugs, der über 200 Jahre hinweg zur Bildung christlicher Staaten im Nahen Osten führte, zog dramatische und gewaltsame Konflikte zwischen Christen, Juden und Muslimen nach sich. Der Sieg des Islam im Osten war nach der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 gesichert. Die östliche (orthodoxe) Kirche behielt ihre Machtstellung in Griechenland und Russland sowie in vielen abgelegenen Gemeinden im Nahen Osten.
Kurz darauf wurde die einheitliche christliche Kirche durch die Reformation und die Lehren Luthers, Calvins und Zwinglis aufgespaltet, und bis zum Ende des 16. Jahrhunderts hatte sich trotz der Arbeit der Gegenreformation und des Trienter Konzils ein Großteil Nordeuropas dem Protestantismus zugewandt. Diese religiöse Spaltung in Europa manifestierte sich zunehmend in den zahlreichen Kriegen dieser Epoche – der Französische Religionskrieg, der Niederländische Unabhängigkeitskrieg und der Englische Bürgerkrieg sind nur einige Beispiele – und gipfelte in den politisch-religiösen Grausamkeiten des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Bis zu dieser Zeit hatten die meisten europäischen Großmächte begonnen, in anderen Teilen der Welt Kolonien zu gründen und somit auch ihre Religion exportiert, so dass sich das Christentum bis zum 18. Jahrhundert als die am weitesten verbreitete Religion der Welt etabliert hatte. Von dieser Zeit an entdeckten überzeugte Christen, die ihren Glauben verkünden und weiterverbreiten wollten, von den Jesuiten bis hin zu den Evangelisten, dass ihre Predigten in den Kolonien auf fruchtbarsten Boden fielen, und während des 19. Jahrhunderts nahm die Missionierungstätigkeit in allen Teilen der Welt sehr schnell zu.
Besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts litt die christliche Kirche in Europa unter einer deutlich abnehmenden Anhängerschaft und verließ sich eher auf ihren moralischen und ethischen als auf ihren theologischen Einfluss auf das Alltagsleben. Durch die wachsende Macht des Staates schwand die der Kirche zunehmend, und der uralte Konflikt zwischen weltlichem und kirchlichem Einfluss fand ein Ende. Die Gründung des ökumenischen Weltkirchenkonzils (World Council of Churches) 1948 kann teilweise als ein Versuch, alte Streitigkeiten zwischen den Konfessionen beizulegen, betrachtet werden. Trotz der zunehmenden Abwendung von Religion in der westlichen Welt gab es im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrere Bewegungen (manche fundamentalistisch, manche progressiv), die versuchten, den Menschen die zentralen Aspekte der jesuanischen Botschaft wieder neu nahezubringen (dazu zählt z.B. die New Age-Bewegung oder ökumenische Gemeinschaften wie Taizé).
Zwei weitere Ereignisse sollten ebenfalls erwähnt werden: Erstens die Arbeit des Zweiten Vatikanischen Konzils in den 1960er Jahren, ein Versuch, die katholische Kirche mit den Anforderungen des modernen Lebens in Einklang zu bringen (man sagt, dass dieses Konzil, wäre es 500 Jahre früher zusammengetreten, mit Sicherheit die Reformation verhindert hätte), und zweitens die Verbreitung der so genannten 'Befreiungstheologie“ in der Dritten Welt und in Osteuropa und Südamerika. Ihr Ziel war es, die moralische Autorität und die Lehren der Kirche für den Kampf gegen politische und soziale Unterdrückung zu benutzen. Obwohl diese Entwicklung in vieler Hinsicht eine Rückkehr zu den fundamentalen Lehren Christi ist, wird sie vom Vatikan und auch in geringerem Maße von anderen Kirchen mit Unbehagen betrachtet.



